
Wenn ich ihn mir so ansehe, diesen arg dürren Kleiderständer, der drei Nummern zu große Hoodies und Baggy-Jeans zu tragen hat und bei dem man sich fragen muss, weshalb sein Hoodie nicht bis zu seinen Füßen durchrutscht, mit diesen großen, blauen Augen, er erweckt eine Melange aus Mutterinstinken und dem Bedürfnis, purzelbaumschlagend wegzurennen in mir. Mit seinen blonden, leicht strähnigen Haaren und seinen vollen Lippen erinnert er an einen Schimpansen.
Doch während ein Schimpanse allgegenwärtig als putzig, goldig, lollig wahrgenommen wird, wünscht man sich bei ihm nur den schnellen Tod herbei. Seine Hände können nicht still halten; permanent muss er über die Funktionsweise eines Kugelschreibers sinnieren. Fasziniert bedient er dieses Konstrukt der Wissenschaft, grobmotorisch, laut, penetrant. Anfragen, dies bitte zu unterlassen, weil man sich konzentrieren müsse, werden vehement abgelehnt.
In seiner Balzzeit zeichnet er sich durch ein angemessenes Sprachvermögen auf. Balzzeit ist auch, wenn er in einer festen Beziehung ist – das zeigt er explizit auf einschlägigen Jugendportalen. Auf seinem Profilbild küsst ihn seine Freundin auf die Wange – wie auch auf ihrem Profil. Zu Beginn hat er sich noch brennend für neue, weibliche Kontakte interessiert, bis ihm auf die Finger geklopft wurde. Seitdem erzählt er davon, wie glücklich er mit ihr sei und wie schwul diese Fragerei doch sei. Sein Lebensmotto: “Bin nicht schwul und wenn wärs eh ned jugendfrei.”
Wenn er von jungen Frauen angesprochen wird, sprechen diese daraufhin von “Sodomie”. Seine Wortwahl sei plump, unpassend und unbefriedigend.
Gruppenarbeit.
Die Schulen dieser Nation haben sich mit dem Wirtschaftswesen zusammengeschlossen, um die Gesellschaft zur Scheinsozialität zu erziehen. Während man beispielsweise als Kunde der Deutschen Bank von vorne und hinten ausgebeutet wird, während sich Josef Ackermann den Luxus des variablen Lohns genehmigt, so muss der junge Bankkaufmensch beim Assesement-Center bitte gefälligst “sozial” sein und mit jedem kooperativ (und vor allem produktiv) arbeiten. Auch wenn’s das selbstgefälligste Arschloch der Welt ist, selbst wenn die geistige Diskrepanz zu groß ist.
Doch all diese Gedanken publik zu machen, ist absolut verpönt. Wer sich überfordert fühlt ob des verbalen Diarrhoes, das sein Gegenüber hemmungslos ausscheidet, macht sich keine Freunde. Man spricht von Arroganz, Ignoranz und Intoleranz. Plötzlich wird der Spieß umgedreht, meine Position zu dieser Person wird von der Allgemeinheit auf mich übertragen. Letztlich zählt der Niedlichkeitsfaktor – tja, große blaue Augen gegen große blaue Nase. Ich bin arrogant, ich bin selbstgefällig – ich bin dumm.
Ich bin dumm, wurde mir neulich von den Hoheiten des Bildungsbunkers attestiert. Natürlich nicht in dieser direkten Wortwahl, aber man bittet mich nun herzlich darum, zu einer “nicht sooo anspruchsvollen Schule” zu wechseln. Meine Umzugspläne für Berlin gegen April seien ja eh schwachsinnig. Und weil meine Volljährigkeit nicht zählt und “um Amokläufe wie einst in Erfurt zu verhindern”, macht man mich nun zum Massenmörder (Achtung, Ironie), indem meinen Eltern, die sich gerade für meine, sagen wir, undogmatischen Pläne sensibilisieren ließen – und das nicht knapp – in einem persönlichen Gespräch dieses Vorhaben ausgeredet werden soll.
Ich weiß mich dagegen zu wehren. Ich zerkratze sie alle mit meiner Zahnspange.
In einem einsamen Moment, einer knappen Sekunde, blicke ich neidvoll zum kleinen Schimpansen, samt Harem, der mit seinem Mitleidsbonus neuer Chef der Deutschen Bank wird. Er ist Homer Simpson und ich bin Frank Grimes.
Hoffentlich muss ich nie für ihn als Motion Designer arbeiten.