Party schreibt man mit einem Ypsilon.
Wäre ich ein durchschnittlicher Jugendlicher mit einem durchschnittlichen Musikgeschmack und einem durchschnittlichen Leben, ich hätte wohl meinen durchschnittlichen Spaß auf einer durchschnittlichen Party mit durchschnittlichen Altersgenossen und durchschnittlichen Alkopops.
Mon dieu, irgendwie trifft dies nicht auf mich zu. Ich besitze ein Interpol-Shirt, bevorzuge es immer noch, lautkräftig zu lachen anstatt neumodische Internetphrasen auszusprechen, um meine Freude auszudrücken, zugleich habe ich als Beruf im Barbie-Freundebuch eines Bekannten “Hebamme” “Irgendwas mit Kunst/Medien” eingetragen. Also bin ich ein stylish kid in the riot, in der Hauptsache angeblich überdurchschnittlich, individuell, überdurchschnittlich individuell.
Ein Mensch nötigt mich dazu, an einem durchwachsenen Abend in irgendeiner Bundeshauptstadt eine Indie-Party zu besuchen. Treffpunkt ist die Warteschlange vor dem Tanzlokal, wo ich ächtende Blicke ernte. Überschminkte Menschen mit bunten Regenschirmen und Tocotronic-Shirts drehen sich um und zeigen mit dem Finger auf mich. Anfangs verstehe ich nicht, wie es dazu kommt. Es ist unerträglich. Ich versuche, diese Wut in mir zu überspielen. Gelingen will es jedoch nicht so recht. Ich fasse mir dauernd an die Nase – ein Zeichen absoluter Nervosität an mir.
Dann, nach unendlichen drei Minuten begreife ich, was Sache ist. Die Indie-Elite, die mit dem individuellen Anspruch, sie hat eine Kleiderordnung. Meine Haare sind von Natur aus dunkel und nicht gefärbt. Ich habe keinen blöden Scheitel und erst recht keine Chucks. Und Palästinensertücher! Überall diese Geschirrtücher!
Enttäuscht ob dieser “lebhaften Szene in der Großstadt” gehe ich Käsekuchen essen.
Zehn Minuten später hat sich der Pali-Mob im eben genannten Tanzlokal versammelt und tanzt zu Joy Division. “…jediegn, ey, wie in diesem Sooohng von den Wumbtz!”, vertraut mir ein Indiegirl in feinstem British English an. Sie trägt schulterlanges dunkles Haar mit roten Strähnchen, trägt Sternchen-Ohrringe und einen violetten Pali. “Schicket Pali”, sage ich ihr mit gekreuztem Finger in der Hosentasche (keine Röhrenjeans), “wat bidütet dis violett?”, fahre ich in einem unglaubwürdigen, leicht ins Schwyzerdütsch tendierenden Slang, fort. Sie begutachtet ihr Knutschfleckenbedecker und antwortet mit “Meeed in Thaaailääänd, grins!”, woraufhin ich mich mit “Ich muss mal, bis später!” von diesem geistreichen Gespräch ausklinke.
Im Indieboy-Klo checken Indieboys ihren Scheitel ab.
In der festen Absicht, mich erneut in das Getümmel (sozial? asozial?) zu integrieren, werde ich von einer Doppelgängerin von Avril Lavigne aufgehalten. Ganz dicht reibt sie ihren Körper an mich.
- “Yo, sweetheart, got a fag?”
- “Erm, no, sorry, I…”
- “… heeey, you’re pretty coool…”
Sie streichelt mir die Brust, woraufhin ich eine Flucht erwäge. Doch Avril hält mich am Gürtel fest. Nach Bekanntgabe meiner sexuellen Neigung gibt das vollkommen betrunkene Mädchen zunächst keinen Laut.
- “…huh? Wuähähähähähä, heeey, that’s coool, let’s be beschd friends!”
Ich kehre um, sitze zunächst ein paar Minuten in einer Kabine ab und beschließe anschließend, die Spätvorstellung von “I’m Not There” zu besuchen. Tatsächlich ist Avril Lavigne nicht mehr anzutreffen. Ich flüchte schnellen Schrittes.
Szenenwechsel. Mit diesem Vorwissen besuche ich eine Geburtstagsfeier zweier Freundinnen auf einem Grillplatz, mitten im Wald. Ich fühle mich wesentlich wohler, viele Freunde sind da, Freaks wie Normalos. Es ist ein netter, geselliger Abend.
Dann fließt der Alkohol. Mehrmals versucht man mich, an ebensolche Getränke heranzuführen. Menschen verhalten sich plötzlich eigenartig, man kann nicht mehr miteinander kommunizieren. Ein Bekannter schnappt sich meinen Hut und will ihn partout nicht rausrücken. Zeitgleich bin ich von drei Schlückchen Korn und Sprite hackedicht und bin selbst kaum in der Lage, entsprechend zu agieren. Wohl der Sinn und Zweck von Alkohol.
Mir behagt es nicht. Es ist anstrengend. Ich verspüre nicht das Bedürfnis, meine Sorgen (oder was auch immer) in Alkohol zu ertränken. Und das macht mich nun endgültig zur Spaßbremse. Ich würde zerdrückte Bierdosen hinterher geschmissen bekommen, wenn ich alle zu gepflegten und amüsanten Konversationen diktieren würde.
Hm. Ich mag Partys irgendwie nicht so.