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      Franz Ferdinand - "Darts Of Pleasure"

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      • Enin. Der Tod kommt von oben.
      • Ybur. Die Perfektion.
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      • Saerdna. Der Tötungsdrang von Teddybären.
      • Nevs. Leben.
      • Leinad. Collapse.
      • Pisoj. Rockn.
      • Sirhc. AK-1 bis -47.
      • Nröjb. Echte Gefühle.
      • M. Seni. Ausrufezeichen! Klammer zu.
      • Ihcim. In der Kürze liegt die Würze.
      • Anit. Kurz und gut.
Aus der Reihe "Einblicke in die Nahrungskette", heute:

Gangs of Losers.

Schmiddy schielt. Hinzu kommt, dass er wirr redet, so vertrackt, als ob er einen stark ausgeprägten Dialekt hätte. Man versteht ihn zwar, aber mindestens 50% der Informationen, die er von sich gibt, sind im Grunde auch wieder unverwertbar. Er erzählt davon, wie er vor circa fünfzehn Jahren seinen Arbeitsplatz verloren und keinen neuen Job gefunden hatte. Wie er von seiner Familie verlassen wurde. Wie er mit seiner Aussichtslosigkeit umging. Für ihn gab es keine Zukunft. No future. Schmiddy ist ein Punk.

Sechshunderfünfzig Kilometer weiter südwestlich halte ich mich in einem Nebenzimmer einer Bierspelunke auf. Einer guten Freundin zuliebe, die mich geradezu anbettelt hat, sie doch einmal nach monatelanger Pause wieder zu besuchen, versuche ich mich, in den Freundeskreis ihres Freundes zu integrieren. Im Hintergrund läuft Classic Rock. Es fließt der Alkohol, es wird geraucht, es wird gelacht. Ich stehe – natürlich – etwas abseits und starre mit meinem spendierten Getränk in der Hand in die Leere. Denke nach, wann und wie ich mich unauffällig wieder zu der Freundin gesellen kann, die in diesem Moment wohl mit anderen Schönlingen redet.

Es ist nicht einfach, mit Schmiddy einen Kasten Bier zu tragen. Er hat eine eigenwillige Rhythmik in den Beinen. Wir laufen an Coffeeshops vorbei, wo diese ganzen Deppen mit Iros und Hornbrillen sitzen, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun haben, als Kaffee, der nicht Kaffee heißt, zu trinken, und an ihren Notebooks, die nicht Notebooks heißen, ihre Arbeit, die keine Arbeit ist, zu verrichten. Wir laufen an Ateliers und Kinderspielplätzen vorbei, an Altbauwohnungen, für die alle Indiekinder schwärmen, obwohl (oder gerade weil) diese renoviert sind.
Am Ostkreuz angekommen werden wir mit reichlich Gedöns empfangen. Ronja Rheumatochter, die Anführerin, reicht mir die Hand. Sie hat provisorisch rotgefärbte Haare und rote Punkte auf der Haut. Auch ihr Blick irritiert etwas; sie guckt mit dem rechten Auge stets in die gleiche Richtung. Vor solchen Menschen haben mich meine Eltern als Kind immer gewarnt. Ach was, mein gesamtes soziales Umfeld.

Mit doppeldeutigen Kinderwitzen versucht ihr Lover mich in die Runde zu integrieren; dauernd fragt er nach, ob ich mich wohl fühle. Ja, nein. Über meine auf Schadenfreude basierenden Witze wird zwar gelacht, jedoch fühle ich mich wie Oliver Pocher an der Seite von Harald Schmidt. Viel zu gekünstelt, alles. So nehme ich deren Leben auch wahr. Das sind alles Menschen, für die ich eigentlich nur Verachtung übrig habe. Wohlstandskinder aus dem gut betuchtem Hotel Mama, bekennende CDU-Wähler, die sich ihr Glück ersaufen. Ihr zuliebe gebe ich mich sogar noch diplomatisch, nehme die ganzen Loblieder auf die CDU hin; “okay” ist zu meinem Zweitnamen geworden. Was mache ich hier eigentlich?
Da ich Stehklos nicht mag und die einzige Sitzmöglichkeit außer Betrieb ist, fühle ich mich unter Druck gesetzt.

Ronja weiht mich wiederum in ihre illustre Runde ein. Vom Typen mit Sicherheitsnadeln an Körper und “The Future is Unwritten”-Shirt bis zum polnischen Neuling, der der Jüngste von allen ist und bereits die meisten Tattoos am Körper hat – und vor allem nur polnisch redet – eine rundum bunte Truppe. Man stößt bilingual an, ehe ein überschminktes Punk-Girlie mit rosa Haaren mit ihrem Indiestecher an uns vorbeiläuft. “He, wollt ihr mit uns ein Bierchen trinken?” Mit hastigen Schritten versuchen sie so zu tun, als ob sie nichts gehört hätten. “Hallo?! Ich hab euch was gefragt! Ihr beschissenen Pseudopunks seid doch alle grün hinter den Ohren!” Ein beängstigendes Lachen vollendet ihren Wutausbruch. Auf Anfrage führt sie ihre Abneigung gegenüber der allgemeinen Punkstylerwelle weiter aus: “Begreifst du, warum diese Neureichen auf Punk machen? Sie machen einen auf bemitleidenswerte, verkannte Wesen und sind sich zu fein, armen Menschen Kleinstgeld zu schenken! Wir werden überhört und übersehen!”

Ich setze mich wieder zu ihr an die Theke und sie flirtet tatsächlich mit allen möglichen Typen. Dauernd flüstert sie mir zu: “Na, ist der nicht heiß? Nein, der? Oder der?” Alles natürlich ganz unauffällig und ungezwungen, zwinker, zwinker.
Eigentlich war mir bereits zuvor unangenehm zumute. Als ich abermals einem Streit beiwohnen durfte, kam sie auf mich zu und hat abermals bekundet, sich von ihm trennen zu wollen. Es gebe doch auch hier im tiefsten Loch wesentlich schmackhaftere Typen und sie müsse doch auch Erfahrungen sammeln. Dennoch akzeptiert sie jedes Mal seine Vergebungsgesuche.

Es kommt Besuch. Zwei Punkerinnen, die sichtlich erfreut vom Alexanderplatz kommen, weil sie dort knapp 38 Euro zusammengekriegt haben, kommen mit überraschtem Blick auf mich zu. “Das ist Schoscho”, sagt Ronja. “Nein, Soso.” – “Ja, wie auch immer.” – “Angenehm, Soso. Nenn mich Ly.” – “Hallo Ly!” – “Hallo, Soso… hehe, ich bin Hanna.” Hanna ist sehr mädchenhaft. Sie redet kindlich und wird mir nicht mehr von der Seite weichen; sie macht einen etwas verknallten Eindruck. “37 Euro nochwas, wow, was werdet ihr mit der Kohle machen?” – “Nun, zwei von unseren Freunden feiern heute in den Geburtstag rein, wir werden grillen. Sag mal, Soso, willst du vielleicht mitfeiern… du… ich… wir alle?”

Er trinkt, er ist arbeitslos – er wählt die CDU, was auch sie ihm mit jedem Mal, wenn dies zum Thema wird, verbittet. Er ist ein schwacher Mann, seine Unabhängigkeit hat er im Suff verloren. In ihr hat er eine Person gefunden, die ihn nicht grundsätzlich ablehnt – zumindest dem Anschein nach. Das weiß sie offenbar auch, und das macht sie mir unglaublich unsymphatisch. Dabei benimmt sie sich mir gegenüber jedoch so ausgeglichen und freundlich, ja, manchmal geradezu liebenswürdig, so dass es mir schwer fällt, ihr Liebesleben zur Sprache zu bringen. Sie bemüht sich um mich. Aus Angst rede ich mir ein, dass sie sich immerhin das Beste daraus zu machen scheint, weil “abends ausgehen” für sie bedeutet bedeuten muss, abends ins “Popsofa” zu gehen.

Hanna möchte meinen gesamten bisherigen Lebensverlauf erzählt bekommen. Dass ich nicht in Berlin lebe, bedaure sie sehr. Dass sie meinem Leben nicht im Netz hinterher stalken kann, empfinde ich in diesem Moment als äußerst wohltuend. Sie besitzt immerhin als einzige eine Wohnung. Man sieht förmlich, wie sie jedes einzelne “äh” und “öh” von meinen Lippen aufsaugt. So fühlen sich also Philosophen mit ihren Bewunderern… “Hast du eigentlich eine Freundin?” – “Äh…” – “Hey, Schoscho! Hanna! Kommt schon, Ärsche hoch, lasst uns zum Grillplatz gehen!”

Was immer ich da austrinken muss, man teilt es mir nicht mit. Ich solle endlich Spaß haben. Oh nein, diese konservative Kiste schon wieder. Mir geht es recht schlecht, da bestellt ihr Kerl mir auf einmal noch ein komisches Gesöff. “Boah, du Trottel, das ist sehr stark!”, fährt sie ihn an. Mein Stolz zwingt mich dazu, dieses flaue Gefühl in der Magengegend durchzustehen: “Nein, schon gut, mach ihn nicht an.” Dabei erfahre ich zum ersten Mal in meinem Leben, dass diese Art von Brechreiz eine sehr unangenehm brennende ist.
Ich schlafe ein oder starre den Barkeepern auf ihre Genitalien (offiziell schaue ich ihnen zu, wie souverän sie die Getränke mixen, aber “souverän” ist in diesem Moment ein zu kompliziertes Wort). Am nächsten Morgen wache ich – sogar ohne Heißhunger auf Rollmops – erholt auf, während ich in ausdrucksleere, wenn überhaupt resignierende Zombiegesichter blicke.

Da ich in Kürze Friedrichshain wieder verlassen muss, laufe ich zum Bedauern der Truppe – insbesondere von Hanna – ihnen lediglich nach. Auf eine mehrmals manipulierte Fahrkarte schreibt sie mir ihre Adresse auf; ich soll ihr unser Erinnerungsfoto zuschicken. Mit Handschlag werde ich in Richtung “Normalität” verabschiedet, man hofft auf ein baldiges Wiedersehen.

Später wird man mir vorwerfen, ich hätte Berührungsängste und sei viel zu schüchtern, um in der Welt zurechtzukommen, weil ich nicht auf dieses gesellige Saufen stehe, während ich mir weiterhin Vorwürfe mache, weil ich die Fahrkarte verlegt habe.

Dienstag, 29. April 2008, 22:17:36 CEST. 4 Personen.



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