
Ich lasse mir nicht anmerken, wie es in mir rotiert. Da jagt man sich geschlagene achtzehn Jahre keine Kugel durch den Kopf, lässt sich von hormonell verwirrten Gleichaltrigen massakrieren, legt sich mit unzähligen Kleingeistern an, die als Killerargument ein armseliges “du bist halt noch nicht achtzehn” aussprechen, um sich dann sagen zu lassen, dass man doch “erst achtzehn” ist.
Wird man erst einmal verbal zum Windelpupser degradiert, gesellt sich Jörg Draeger zu dir, möchte deinen goldenen Umschlag gegen Tor Nummer drei eintauschen. Du weißt, dass du in diesem Moment in der Bredouille steckst: überall nur Zonks. Hier gilt es vorsichtig zu sein, denn jedes gesprochene Wort lässt dich lächerlicher erscheinen. Es ist vorherzusehen, was ansonsten folgen dürfte: “Du hast noch nicht die nötige Lebenserfahrung, blabla, sei still, blablabla.”
Nein, verdammt! Hat mir jemand Anti-Aging-Creme aufs Gesicht gepappt? Ich will Fehler machen, ich will’s richtig machen, ich will Grenzen ausloten, ich will meine eigenen Erfahrungen machen und nicht nur vorgekauten Brei speisen! Ich will mein Leben leben! Ich will mein Leben leben, weil ich’s noch kann, Bratze!
Konservative Lehren. Konserventiefe Leeren.
Ich gähne und nicke (kein “Sie-haben-Recht-Nicken”, sondern ein “Ja-ja-deine-Mutter-Nicken”). “Ja, ich bin volljährig”, werfe ich souverän ein.
Im Gespräch mit der heiligen Kuh wird mir erst richtig bewusst, wie meschugge diese Grundsatzdiskussion rund um das Thema “Reife” eigentlich ist. Es hat im weitesten Sinne mit “Werten” zu tun; mir erscheint jedoch der Ausdruck “Selbstbefleckung” am angemessensten zu sein.
Wenn man sich täglich in eine “Gesellschaft” voller zotiger Tierchen integrieren muss, um überhaupt “offiziell” ein “Leben” “führen” zu “dürfen”, weiß der vernunftgesteuerte Mensch, dass Alter allein kein Zeichen von Reife ist. Ich könnte jetzt von debilen Mitschülern erzählen oder von den ganzen Groupies, die meine behaarten Beine so “erregend” finden. Aber ich bin zu gut drauf.
Sobald ich frühmorgens als Allerletzter am Bahnhof ankomme, zerdrückt sie ihre Zigarette und steigt ebenfalls ein. Sie hat kurze braune Haare und trägt hellblauen Lidschatten zu rosa Lippenstift. Sie ist – nicht nur für ihr Alter – sehr hübsch, hat ein sehr freundliches Gesicht, kaum Falten und weiß sich stets selbstbewusst und chic anzuziehen. Schlagt nach, was eine “Milf” ist. So eine ist sie wohl.
Wenn ich in seltenen Momenten das Glück habe, mich zu ihr zu setzen, ist sie immer sehr, hüstel, freundlich zu mir. Sie spielt mit ihrem Kragen, zieht ihn runter, lacht dabei, fasst sich die ganze Zeit an Stellen an, für deren Nennung ich mir zu dezent bin. Anfangs hatte ich noch gedacht, sie wolle damit andeuten, dass ich etwas an den entsprechenden Stellen oder dass sie irgendwie eine Allergie hätte.
Ähm, nein.
Überhaupt, Senioren, ich habe vor allem die Österreicher diesbezüglich in guter Erinnerung. Ich fand es doch sehr nett, mitten auf der Straße (vor einem Tussiladen wartend) gesagt zu bekommen, wie toll man doch sei und, hach, wie galant doch mein Hut sei.
Nein, ich hatte nie eine Liaision mit Senioren, ich finde es nur erstaunlich (?), dass ich mir von Gleichaltrigen im besten Falle seltsame Tiernamen geben lasse. Von Tieren, die ich anfangs nicht kenne. Die im Zweifelsfalle nicht besonders schmeichelhaft sind. Aber als Mann darf man ja nicht sensibel werden. (Schmocks.)
Aber zurück zum Thema. (…seid ihr noch wach?) Reife muss noch nicht einmal ein dauerhafter Zustand sein. Mit sechzehn Jahren hatte ich persönlich mein bisher angenehmstes Lebensjahr. Ich habe alles ausprobiert, was ich ausprobieren wollte (und alles für doof befunden, bis auf Konzerte und Festivals) und war trotzdem ganz gut in der Schule. Und jetzt schreibe ich den wahrscheinlich unstrukturisfg… Mist, unstrukrturist… nein!… unstrukturiertesten (so!) Eintrag, den es hier jemals zu lesen gab und muss mir von meiner Erzeugerin anhören lassen, ich sei ein totaler Versager.
Der Ausdruck “Reife” wird zumeist im Zusammenhang mit der “Erfahrung” genannt, wie wir bereits gelernt haben. Und ja, in dieser Hinsicht könnte etwas dran sein, man wächst ja quasi mit seinen Aufgaben. (Wie doppeldeutig.) Dass man andere Menschen jedoch um ihr Versagertum belehren muss, ist keine gute Charaktereigenschaft, Mama. Auch die absichtlich schlechte Benotung von Schülern unter der fadenscheinigen Begründung, man wachse mit den schlechten Erfahrungen, ist insbesondere dann suboptimal, wenn dieser Prozess innerhalb einer Leistungsgesellschaft stattfindet.
Gut für’s Karma ist also, wenn man wächst und die anderen damit verschont. (Was, ihr lest immer noch mit?) Selbstprofilierung durch Ego-Schwanzvergleiche ist dementsprechend: böse.
Aber mal sehen, wie ich das mit sechsunddreißig Jahren noch sehe.