
Irgendwann wohl, irgendwann wird es nicht mehr reichen, eine Bewerbung aus einem Anschreiben, einem tabellarischen Lebenslauf, Zeugnissen und gegebenenfalls ein paar Arbeitsproben zusammenzusetzen. Ach, was heißt hier irgendwann? Die Zeit ist jetzt, und jetzt ist unsere Zeit der Panik ausgebrochen, die Zeit der permanenten Anbiederung auf dem Weg nach oben auf der Karriereleiter.
Sowas in der Art versucht nun eine Schule, irgendwo im Rhein-Main-Gebiet, ihren Schülern zu verkaufen. Es werden sogenannte Methodentage erschaffen, die man zwischen zwei, drei Klausuren innerhalb einer Woche dazwischenquetscht, damit die lieben Kinder der Zukunft auf das diffizile Leben mit Powerpoint-Präsentationen, Excel-Tabellen, Handouts und Flipcharts vorbereitet werden. Kurzfristig überzeugt eine naive, naturhighe Erscheinung von Theologin ihr Kollegium mit dem Vorschlag, ein anderthalbwöchtiges Sozialpraktikum ins Leben zu schaffen, damit das Abi-Zeugnis eines jeden angehenden BWL-Studenten bei jedem Personalleiter beeindrucken kann. Und selbst wenn’s nur der von H&M ist, der gerade in den Semesterferien eine Teilzeitstelle vergibt.
Dafür, dass der Bildungsbunker eher blugsaugerische denn sozialpädagogische Qualitäten (die Betonung liegt auf Qual) besitzt, klingt diese ganze Chose zunächst einmal erfreulich. Hey, gut zwei Wochen weniger Schule. Unter der Lupe der jugendlichen Hinterfragung kommt man jedoch zu ganz anderen Gedanken.
Die Methodentage sollen im Speziellen auf die Präsentationen im Abitur vorbereiten, die zunächst einmal freiwillig sein werden. Von der Tatsache, dass die Wikipedia eine schlechte Quelle ist, bishin zu olfaktorischen Tatsachen, werden die Schüler um sämtlichen Illusionen geraubt, ist man doch zuvor elf Jahre davon ausgegangen, dass man es wie die Lehrer machen soll: Erscheinen, wie man will. Stinken, wie man will. Unvorbereitet sein und deswegen die Schüler zusammenscheißen, wie man will.
Aber nein, gerade wir sollen die Vorbilder sein. Wir sollen gerade nicht wie sonst angezogen sein, sondern am besten wohlparfümierte Lackaffen sein und uns dabei nicht wie eingezwängt fühlen. Beim Sprechen sollen die Prüfer an unseren Lippen hängen, jedes einzelne Wort in sich aufblühen und sich mittreiben lassen können. Wir sollen sie um unseren kleinen Finger wickeln. Keck lächeln und sie zum Schmelzen bringen. Eigentlich ist Vorbild eine Untertreibung. Sexgott trifft’s eher.
Gut, ich bin ja ein Sexgott und kann damit gut leben.
Damit die Personaler künftig zusammenschmelzen vor Erregung, wenn ich sie auch nur anhauche, gibt es jetzt auch noch das Sozialpraktikum. Man soll sich für neun Tage einer integrativen, wohltätigen oder überhaupt “unkonventionellen” Institution verpflichten, damit man “andere Welten der Gesellschaft kennen lernt”, “alten Menschen beim Sterben zusieht”, whatever. Und dafür gibt’s eine lobende Bemerkung im Abschlusszeugnis.
Find ich ja persönlich toll, dass man mir pauschal vorwirft, ich sei asozial. Aber ich will mal nicht so rumheulen, sondern objektive Urteile abliefern.
Wenn ich mich an mein Praktikum beim Zahnarzt in der neunten Klasse erinnere, war ich in der ersten Woche damit beschäftigt, mich einzuleben und mir erst einmal einen Überblick zu verschaffen. Dass man uns also in neun Tagen zu Gutmenschen formen möchte, ist demnach absurd. Man erwartet, dass wir mit schockierenden Bildern im Kopf für’s Leben gezeichnet sind – oder dass zumindest dieser Eindruck bei den entsprechenden Schlipsträgern entsteht. Dabei wird übersehen, dass ein Großteil der Jugend den freiwilligen Exkurs in andere Sphären außerhalb ihrer gewohnten Umgebung durchaus wagt.
Sie hält nur ihre Klappe. Dafür, dass unsere Zukunft auf wackeligen Beinen steht, dass kein Job und kein Lohn mehr dauerhafter Natur sein wird, was uns regelmäßig indoktriniert wird, sollen wir höchsten Anforderungen gerecht werden. Selbstsicher, sozial, realistisch – und das in einer Wirtschaftsmaschinerie, die all das nicht ist. Die Pädagogen predigen: “Ihr müsst euch selbst verkaufen können!” In meinen Ohren ist das ein Aufruf zur Prostitution und es scheint ihnen zu gelingen. Blicke ich nach links, sehe ich die kleine Dorfmatratze, schaue ich nach rechts, sehe ich sie als Bankkauffrau im “Abi-Magazin (Ausgabe Winter 2007/2008)”.
Wer hingegen ein schüchterner Zeitgenosse ist, der muss leiden. Es gilt, offen und laut zu sein, aufzufallen um jeden Preis. Aufzufallen, wenn man Powerpoint-Präsentationen vorträgt, aufzufallen, wenn man in einer Gruppe Brainstorms durchführen soll, aufzufallen, wenn man Mindmaps zeichnet. Unproduktive neumodische Gruppendynamik trifft auf Unbehaglichkeit. Zwei Faktoren, zwei gute Gründe für Depressionen. Schaut nach Japan.
Nicht nur, dass Mindmaps und Brainstorm-Sitzkreise die grausligsten Errungenschaften in den westlichen Büros seit der Erschaffung der Cliparts sind, nun wird auch der Gutmütigkeit ihrer ethischen Distanz beraubt und steht somit auch unter dem “gesunden, aufbauenden” Wettkampf. (Kein Patenkind, keine Competition.) Viel wichtiger ist doch die Frage, ob es nicht nur eine Fassade, also Mittel zum Zweck ist. Spätestens ab hier fängt die reine Selbstdarstellung an zu stinken – womit der oben genannte olfaktorische Aspekt ad absurdum geführt wird.
Demnach ist also festzustellen, dass mit unserer Gesellschaft etwas nicht stimmt (auf diese geistreiche Bemerkung stoße ich jetzt an). Ich meine, wieso machen wir uns das Leben eigentlich so schwer? Ich werde es mir im Fall der Fälle einfach abkürzen, damit ich als vorausschauend gelte. Ich werde mir meine Würde schon vorher killen und zum Bewerbungsgespräch etwas Vaseline mitbringen.