20:11. An diesigen Tagen wie diesen wage ich mich in die Dunkelheit und laufe im Schritttempo zum Supermarkt. Es haben sich Gäste angekündigt, sie wollen Speisen und Gesöff. Es weht ein leichter Wind; ein leichtes Sausen zieht an meinen Ohren vorbei, welches mit dem leisen Auftreffen der Regentropfen auf dem Asphalt harmoniert. Kein Auto rauscht die Straße entlang, kein Zwerg mit Hopper-Handy lungert hier herum. Eigentlich ist hier nichts. Links und rechts ist irgendwo Natur. In den Häusern, an denen ich vorbeiziehe, wohnen Menschen mit Namen wie Arnulf oder Friederun, die auf der Seniorenseite in der Lokalzeitung namentlich zu ihrem 86. Geburtstag beglückwunscht werden. Totengräberstimmung ist das. (”Friederun, Friederun. Möge sie in Friede ruh’n.”)
Vor mir steht nun eine überproportionierte Asphaltwüste. Vor einigen Jahren war das alles noch eine saftige, idyllische Wiese mit einem kleinen Bächlein und gackernden Hühnern. Jetzt sind’s Asi-Chicks mit zuhälteresken Kollaborateuren an vermeintlich aufgemotzten Karren auf dem Rewe-Parkplatz. Ein harscher Wortwechsel ist wahrzunehmen, geht es doch um das große Politikum, ob es endlich in die Dorfdisse geht oder nicht, ey.
Links steht ein brandneu errichteter Getränkemarkt. Seelenlos. Der Verkäufer, ein etwas korpulenter, blonder Bursche, wartet draußen auf willige Kunden und zieht an seiner Kippe. Im Hintergrund läuft “Ein Stern, der deinen Namen trägt”. Die Reinigungskraft, ein ausländischer, älterer Herr, fragt den korpulenten, blonden Burschen, ob er eine Freundin hätte. “Neeein”, lautet seine Antwort. Drei Minuten später fragt er wieder. Und wieder. Und wieder.
In dem eigentlichen Konsumtempelkomplex geht es ebenfalls ab wie drei Zäpfchen gleichzeitig. Die sichtlich motivierte Backwarenverkäuferin verzehrt unentgeltlich Nussecken und liest sichtlich vertieft in der Bild-Zeitung. Überall werde ich mit extrem optimistischen Lebensmitteln konfrontiert. Ich verspüre das Bedürfnis, eine steife Körperhaltung einzunehmen, um mich dann hysterisch und verkrampft auf dem Boden zu wälzen. Doch aus allen Seiten werde ich angeschrien und verschreckt und irritiert und mein Hirn verkrachbummmalträtiert und paniert. Wie in einem billigen Softporno aus dem Osten heißt es nur…
ja! ja! ja! ja! ja! ja!
Hilfe.
Nun geht es um die Frage, wo sich die gewünschten Lebensmittel verstecken. Ich hasse Supermärkte. Sie sind zu groß und unübersichtlich, die feuchte Luft will konsumanregend sein und im Hintergrund läuft exotische Trommelmusik von den Killerpilzen. Die ganze Zeit gleite ich von links nach rechts, von unten nach oben und jeweils zurück, weil ich nicht weiß, wo die gottverdammten Nudeln sind.
Die Mitarbeiterinnen nehmen keine Notiz von meiner Orientierungslosigkeit; entweder räumen sie weitere Milchtüten (die heute niemand kaufen wird) in die melodisch flackernden Kühlschränken ein oder naschen weiter ihre Nussecken ver. Es halten sich nicht viele in diesem Bunker auf, eine Frau, wohl um die 40, schleicht mit weit aufgerissenen Augen durch die Regale, während eine jüngere Förderschülerin (das ist nicht nur “so” gesagt, ich sehe sie manchmal im entsprechenden Bus) ihren furchteinflößend glatzköpfigen Papa in der Schokoabteilung schonungslos ausnutzt.
Bin ich paranoid oder wieso starren mich alle – selbstverständlich bis auf die Mitarbeiterinnen – so komisch an?
Die Antwort lautet… ja! Höhö.
Eine halbe Stunde später habe ich die erwünschten Genussmittel. Ich verlasse den Supermarkt mit den eben erworbenen Produkten in den Händen und der Quittung im Mund, nehme noch wahr, wie sich der Putzherr mit dem Verkäufer im Getränkemarkt anlegt (“…has’ du jetzt Freundin?” – “Nein, Mann! Nein! Argh!”), ehe es zu regnen anfängt. Als ich den Berg zu unserer wunderprächtigen Residenz hochlaufe, fängt es an zu donnern. Die fast schon antike Feuerwehrsirene ertönt (so crescendo halt) und erschlägt mich dabei mit ihrer wuchtigen Lautstärke.