Ich hasse es. Ich hasse es, wenn ich unter dem Vorwand, dass es mir helfen würde, blutig gepeitscht und dann durch den Fleischwolf gedrückt werde.
Ich hasse Menschen, die sich und ihren Beruf viel zu ernst nehmen. Weshalb muss meine Chemielehrerin mit den zahlreichen, abstrusen, abartig großen Ketten von uns verlangen, dass wir jeden Furz von jeder verdammten Person in der verdammten vergangenen Doppelstunde sekundengenau nacherzählen können? Wieso nimmt sie sich so wichtig? Wozu braucht es in der Oberstufe Arbeitshefte? Die, wenn man sie vergessen hat, zu einem “Strich” führen? In der Oberstufe? Hallo? Volljährigkeit? Selbstverantwortung?
Ich hasse es, wenn man mir die Möglichkeit, ein eigenständiges, für mich ideales Leben führen zu können, partout ausreden möchte. Weil sie denken, dass ich sie verlassen würde. Weil sie denken, dass ich sie hasse. Weil sie denken, dass ich – sapperlotnochmal! – das verdammte jüngste Kind bin. Weil ich nie wieder auf die Fresse fallen darf. Hallo? Volljährigkeit? Selbstverantwortung?
Von allen Seiten massiv unter Druck gesetzt, entschließe ich mich, von meinen Rechten Gebrauch zu machen und mich selbst vom Unterricht zu entschuldigen. (Meine Italienisch-Lehrerin hatte sogar Verständnis dafür. Die ist aber auch jung.)
Es ist ein sonniger Spätsommertag. Ich sitze auf einer Bank und zähle die Sekunden, bis meine Bahn kommt. Ich schwitze. Keine Wolke. Kein Mensch. Nichts. Niemand. Weit und breit. Nur ich und die Überwachungskameras. Und Polaris. Polaris haben den Titelsong zu Pete & Pete gesungen.
Flashback.
…als Zweitklässler habe ich es geliebt, mit unserem Teleskop in die Sterne zu blicken oder tagsüber zu bestimmten Zeitpunkten zu beobachten, wie die Bummelbahn unseren Bahnhof verlässt und sich zur nächsten Stadt emporfährt. Ich fand Vulkane höchst faszinierend. Im Fernsehen lief Pete & Pete und Wunderbare Jahre, meine Geschwister hörten The Cranberries, Duran Duran, Tears for Fears und, na ja, 2Pac. Alles was ich wollte, war – neben all den Lustigen Taschenbüchern, die jemals erschienen sind – endlich erwachsen zu werden. Nicht nur, weil ich keine Lust auf hemmungslose Tanten hatte, die mir in die Backen kniffen, als ob ich sechs wäre (immerhin war ich bereits acht). Nein, diese 90er-Jugend(sub)kultur sprach und spricht mich mehr an. Irgendwo, irgendwie war da mehr Herz als Luft im Kopf. Es war einfach magisch für mich, so als ob…
- “Hey! Hey! Hey, du Fotze!
Haste ma’ Feua, Alda?”
Und es wackelt im Kopf – es rattert – es schüttelt – es klopft – es surrt – es stampft. Es wackelt.
Und es wackelt an den Lippen – es zieht – es spannt – es zittert – es rüttelt – es bebt. Es wackelt.
Und es wackelt in den Händen – es formt sich – es ballt sich – es drückt sich – es zerquetscht sich – es erregt sich. Es wackelt.
Es wackelt.
Es wackelt.
Dein Zahn wackelt!
- “Du… verdammter… Arschwichser! Sag gefälligst ‘bitte’, du Scheißknirps! Für was hälst du dich eigentlich?! Bist du überhaupt volljährig? Darfst du überhaupt rauchen? Wehe dir! Mach das nie…!”
Ich stehe auf und… der kleine Junge rennt heulend weg.
Himmel.
Das sagt doch alles. Ich bin leer. Ich bin wütend. Dead already. Ich kann nicht mal mehr austräumen. Seufz. Get a life sagt man dazu schön. Vielleicht haben all die Schmocks recht. Vielleicht schadet Idealismus. Dauerhaft. Uns. Ich weiß noch nicht mal, was ich sagen möchte. Jedem. Überhaupt. Hier.
Die Bahn ist angekommen. Als ich einsteigen will, falle ich unsanft hin. Ich raffe mich zusammen.
Ich raffe mich zusammen. Dieses Vakuum kotzt mich an, ich muss raus, ich will raus und das jetzt. Schlimm genug, dass sich alle (meinetwegen) selbst bemitleiden. Da muss ich nicht mitmachen. Radicalism! Idealism! Ism! Ich mach mir jetzt das Leben, wie’s mir gefällt. Auch wenn’s weh tut. Wenigstens empfinde ich dann noch etwas.
Danger Breitscheid (dadäung!) goes Berlin. 2008.
(Danke, Neil Hannon, für “Mastermind”. Danke, Ina Simone M. für deine Artikel. Danke, Mar Ci, für deine Worte. Danke an die anderen, die an nichts glauben wollen.)