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Aus der Reihe "Pop Town", heute:

Fingerfarben sind lässig.

Arztpraxen vermitteln grundsätzlich das Stigma einer Metzgerei. Es ist steril, es ist kühl, die Wände sind weißer als die Dritten der Vorsitzenden des lokalen Rheumaclubs, die Assistentinnen sind trotz heruntergeschraubter Lautstärke penetrant. Es herrscht sozusagen Ruhe vor dem Sturm, bevor der fünfjährige Colin – Kinder und kranke (!) Senioren haben Vorrang – im Sprechzimmer wimmert, schreit und die Arme als Waffe einzusetzen versucht, weil er eine Spritze bekommt.
Im Wartezimmer sitzt man währenddessen bei sperrangelweit geöffneten Fenstern doof rum. Ein paar Leute reden darüber, wie herzallerliebst Kinder (“…wuaaaaaaah! Aaaaaaah!”) doch sind. Sie mögen doch mehr Beachtung bekommen, eine Stimme bekommen, ach, die Welt regieren. (Hey, Leute! Das ist paradox! Kinder können so grausam sein! Ihr solltet “Hallo Deutschland” aufmerksamer verfolgen, wenn Keanu F. aus Q. seine Lehrer mobbt.) Den Anblick ihres offensichtlich gestellten Lachanfalls kann man am besten mit einem Unfall vergleichen: Sobald man sieht, wie die runzlige Haut am Hals hin- und herpendelt, will man weggucken – man tut es aber nicht.
Als Alternative, um etwas Atmosphäre in dieses Gehirnzellenvakuum zu bringen, individualisieren Ärzte gerne ihre Wartezimmer mit teuer erworbenen Gemälden. Wenn man sich also an diesen pendelnden Häuten satt gesehen hat, guckt man einfach vorbei und versucht zu begreifen, was der Künstler mit diesem Bild ausdrücken möchte. Viele bunte kleine Kleckse auf schwarzem Grund. Vielleicht soll es diese Metzgerstimmung abstrakt darstellen. Cool, Botschaft enttarnt.

Soll das aber Kunst sein? Ich bilde mir ein, ein gewisses Kunstverständnis mitzubringen; auch wenn mein Interpretationsvermögen von Natur aus recht bescheiden ausfällt (ich ziele konsequent daneben, auch bei Büchern oder sonstigem), gelingt es mir, Kunst oftmals als solche zu identifizieren. Ja, selbst Jonathan Meese, der macht Kunst. Irgendwie. Mit seinem Aktions-Sachenkarambolagedingsbumsieren.
In diesem Moment ärgert es mich, dass ich nicht ein paar Jahre vorher geboren und von polylux zum größten Nachwuchskünstler dieser Nation gehievt wurde, damit ich solche Fingerfarbenspielchen als “Meisterwerk” veräußern könnte.
Wenn ich eines aus Berlin gelernt habe, dann, dass selbst eine vollgeschissene Windel eines Wohlstandkindes Bohème-Kindes aus einer Schickimicki-Familie von berufsjugendlichen Modedesignern als expressionistisches Statement gilt. Oder hier ein explizites Beispiel: Neulich gab es einen Bericht über einen Fotografen, der seine Modelle nach dem Geschlechtsakt – wobei das Grande Finale immer darin bestand, dass deren Gesichter vollejakuliert wurden – abfotografiert hatte. Dass es im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde, liegt wohl einzig und allein daran, weil es Kunst ist, keine Pornografie. Aber darum geht’s nicht, vielmehr, dass es überhaupt als Kunst klassifiziert wird. Ich kann Kunst nicht als solche sehen, wenn sie 1:1 reproduzierbar ist und eine gewisse Originalität vermissen lässt. (Deswegen macht Britney Spears keine Musik, weil Musik per Defintion – meiner nämlich – eine Kunst ist.) Man könnte es, in Anlehnung auf das Statement des Fotografs (der auch sonst nur einfache Nacktfotos zu schießen scheint), noch als “politisches Statement” sehen. Sofern er nicht nur Spaß am Voyeurismus hatte, sondern tatsächlich ausdrücken möchte, dass es natürlich sei, unvermeidbar, blabla.

Aber mal ehrlich – da gibt’s Besseres. Deswegen ist mir diese sogenannte Kunstszene ziemlich suspekt. Angenommen, ihr stimmt mir in dieser Hinsicht zu und ihr wollt eure neue, schicke Wohnung in Frankfurt am Main mit ein paar Werken aufhübschen. Inzwischen hat sich der “Kunstsupermarkt”, der sich die Verkaufsfläche für einige Monate im Jahr mit “Butlers”, einer Bio-Bäckerei und einem einsamen Bankomaten teilt, etabliert. Eigentlich mutet es seltsam an, dass die Bilder fast wie im Plattenladen durchsotiert sind und so zum Stöbern einladen. Dass der Großteil der “Waren” (kaum zu glauben, es sind Waren) reproduzierbar ist, ist zu bedauern. Das Konzept scheint jedoch aufzugehen, zumindest in Studentenhochburgen wie Marburg. Da frage ich mich: Bin ich zu anspruchsvoll, ahnungslos oder der unkreative Part der Bildungselite in der Sorge, nicht schnafte und “studentisch”, ja, bohème genug zu sein? Einfaltspinsel, ick hör dir trappsen.

Bei Ärzten – und auch in Krankenhäusern – ist es mit Sicherheit die Sorge, nicht gebildet und offen genug zu erscheinen. Nur, dass es offenbar unbegründet ist. Niemanden kümmert’s besonders. Die Hälser schlackern noch immer. Colin hat seinen zuckerfreien Lutscher und heult trotzdem weiter rum. Wenn ich mit den Zähnen knirsche und meinen Kopf gegen die Wand haue, ist es Kunst?

Whatever, es blutet schon.
Jetzt ist es Kunst.

Donnerstag, 09. August 2007, 16:38:29 CEST. Jemand.



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