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Aus der Reihe "Pop Town", heute:

Die letzten Krümel in der Cornflakespackung.

Er ist betrunken. So betrunken, dass er denkt, dass die Wodkaflasche total leer ist, obwohl da noch ein bisschen drin ist. Für einen Pint würd’s zumindest reichen. Er ist so betrunken, dass er wiederum denkt, dass seine Bierflasche noch halb leer ist. Und das überprüft er alle drei Minuten, bis er enttäuscht feststellen muss, dass jetzt Schluss ist.
Es überfordert mich. Es ist drei Uhr, morgen heute ist Schule und meine blöden Gene lassen den Gastfreundlichkeitshengst hängen. Ich, vollkommen nüchtern, höre zu, wie er mich, den er (wenn man’s zusammenrechnet) nicht mal einen halben Tag kennt, gloli… glol… glorrr… glo-ri-fi-ziert. Davon abgesehen, dass ich Lob überhaupt nicht vertrage – er kotzt sich halt die Seele aus dem Leib. Wie scheiße doch sein Leben verlaufen ist. Wie scheiße seine Eltern waren. Dass nicht alles perfekt geworden ist. (Wenigstens war der Sex meistens gut.) Er würde gerne mit mir tauschen. Und verspricht mir, dass ich jede Frau der Welt flachlegen könnte. Ich versuche, es zu relativieren – aber nein. Er will unbedingt, dass ich jemanden “kennen lerne”. Das Gelaber über Seelenverwandtschaft, sexuelle Zufriedenheit oder ähnliches lasse ich den Umständen entsprechend weg. Und er kennt zwar einige Details aus unserem Familienleben, doch selbst das würde ihm noch sehr gut gefallen.
Ja, er ist betrunken, definitiv, ohne Zweifel.
Dann gehen wir noch auf den Balkon. Er raucht eine. Will wieder mit dem Glorifizieren anfangen, verheddert sich jedoch in der Luft und kippt fast um. Ich trage ihn zu seiner Freundin, die ihn entnervt anscheißen wird. Seufze nochmal eine Runde. Und leg mich auf den Boden und vernehme die Vögel, die schon draußen zwitschern, und die Geräuschkulisse des nahe gelegenen Bahnhofes. Sehr unangenehm.

Keine drei Stunden später sitze ich in der Bahn auf dem Weg zum Bildungsbunker und bin mehr als froh, dass ich einen ganzen Vierersitz ergattert habe. Wenigstens für die fünf Minuten bis zur nächsten Station. Dort steigt ein schwergewichtiger Mann zu und setzt sich zu mir. Macht nichts, hab andere Probleme.
Offenbar hat er die Bahn nur knapp erwischt, der Schweißduft ist mehr als markant. Ich versuche, möglichst professionell zu bleiben. Er kann ja nichts dafür.
Fünf Minuten später will ich die Guillotine. Ich fühle mich so, als ob sich die Büchse der Pandora gleich für mich öffnen würde. Will mir die Haare rausreißen, will mir die Nase abreißen, will mich erwürgen und erschießen. Sehr unangenehm.

Wieder daheim. Ich laufe an meinem Vater vorbei, der just meine Existenz festgestellt hat. Sehr unangenehm.

Er ist gerade dabei, mit seinem von einem unförmigen Unterhemd verzierten Fettwanst einen Vertreter von der Firma “Vorwerk”, der Wohnungen kostenlos nach Milben untersucht, rauszuschmeißen. Mit seinem schlechten Deutsch markiert er sein Revier und sagt:
- “Ich spreche… persisch! Und arabisch! Und englisch!”
Um Gottes Willen. “He are not happy.” Deutsch hat er wenigstens nicht erwähnt.
- “Heraus!”
- “Ja ja, bitte lassen Sie mich meine Schuhe…”
- “Gehen Sie heraus!”
- “Bitte…”
- “Sofort!”
- “Ach, halt deine Scheißfresse! …blöder Wichser… Tut mir wirklich leid. Ich danke Ihnen für die Untersuchung. Wünsche Ihnen noch einen schöneren Tag.”
- “Danke. Ihnen auch. Tschüss.”
Und dann wundert sich jeder, dass ich als “Elitekind” (muhar) das Schuljahr wiederhole. Es folgt konsequente Ignoranz meinerseits. Sehr unangenehm.

Ich stehe vorm Küchenschrank und muss feststellen, dass die Cornflakes so gut wie alle sind. Da sind nur noch ein paar uralte Reste drin, für die jeder zu egoistisch war, um sie noch zu verzehren. Drum nehme ich eine neue Packung, lasse die alten Krümel in die neue Tüte wandern und schüttle. Unedel. Irgendwie abartig. Whatever. Hauptsache feste Nahrung. Sehr angenehm.

Montag, 18. Juni 2007, 18:35:44 CEST. 4 Personen.



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