Es ist eines dieser schwül-sonnigen Tage, die sich frühmorgens hinter kalt wirkenden Wolken ankündigen, um uns, die drei Pullis an haben, endlich dann doch den Mittelfinger zu zeigen: “Hah! Verarscht!” Ich ließ mich nicht verarschen, heute verfolge ich eine klare Linie, ich verfolge sie, packe sie und schreie ihr “Selber hah! Selber verarscht!” ins Gesicht. Geradeaus soll es gehen, denn da vorne ist morgen und über dem Hügel am Bahnhof scheint das Licht. Vielleicht ist es auch nur die Werbetafel vom toom Baumarkt. Whatever.
Erhobenen Hauptes genieße ich aus welchen Gründen auch immer den seltenen Moment des Stolzes. (Ach, das nennt man “gute Laune”? Geile Scheiße.) Ich stolziere mit den Händen in den Hosentaschen die Straße entlang. An der Einmündung wird mitten auf der Straße eine Stelle nachgeteert, hach!, wie harmonisch, während “Spanish Bombs” aus den Kopfhörern tönen. Wobei, der Tag ist ja so schön, da kann man sich auch mal die Geräusche der Umgebung anhören. Ich mache leiser, ziehe mein Musikwiedergabegerät aus der Hosentasche und – bähm!
Ich werde beinahe von einem Van überfahren. Der Fahrer sieht sehr blass aus. Ich frage ihn: “Alles okay bei Ihnen?” Der dann so: “Huh.” Er fährt an mir im Schleichtempo vorbei. Hinten auf dem Van steht: “Bestattungsunternehmen X – Wir helfen in den schwesten Stunden des Lebens.”
Es ist immer noch der schwül-sonnige Tag, der immer noch versucht, mir ins Gesicht zu rotzen. Doch ich denke nicht dran, spucke zurück und gehe weiter geradeaus. Denn weiter vorne muss man nicht zurückblicken, dort ist sie, die Zukunft. Auch wenn ich am Rheuma-Club vorbeilaufen muss. Whatever.
Ich fange mich schnell und schlurfe immer noch die Straße entlang. Links, rechts, links… schnell, ein Auto! (Boah, bin ich mutig.) Die Vögel auf den Bäumen zwitschern lustvoll und steuern die perfekte Untermalung für den Tag bei. Eine robust wirkende ältere Dame lächelt mir zu. Ich lächle zurück. Ein Mitschüler lächelt mir zu. Ich lächle zurück.
Doch dann läuft eine gewisse Person an mir vorbei. Ich kenne sie nicht persönlich, aber ansehnlich ist sie auf jeden Fall. Verdammt, sie könnte gerne mal Notiz von mir nehmen. Und wie das bei Jugendlichen typisch ist, versinkt man so in seine Gedanken. Ähem. Bis mir plötzlich bewusst wird, was Frauen in solchen Situationen für einen wunderbaren Vorteil haben (andererseits würde ich nicht mit der einen Lehrerin tauschen, die mit einem weißen Rock gekleidet in den Unterricht kam und dort ihre Tage hatte). Oh nein! Neinneinnein! Seelenkrampf! Krampfkrampf! Denk an was Asexuelles, denk an was Asexuelles! Denk daran… wie dein Vater seinen fetten Bauch streichelt! Uaaah!
Ich hab größere Naturkatastrophen abwenden können, allerdings kann ich mir denken, dass einige Menschen komisch geguckt haben, wie krampfhaft ich meine Hose mit den Händen in der Hosentasche weiter zog.
Schwül, sonnig, Tach. Backpfeife vom Leben. Fuck off!
Es grenzt an Paranoia, dass ich nun schneller laufe, nervöser und angespannter. Meine Füße fangen an, Blasen zu bilden, ich werde schneller und hektischer. In der Zwischenzeit werde ich erneut von einigen Autos angefahren. Langweilig. All die schönen Menschen, an denen ich vorbeihetze, erkenne ich bei der Geschwindigkeit nicht. Breitscheid rennt. Nicht galant, unsportlich, dafür mit viel Schweiß und Blut. Mein Kopf fängt an zu schmerzen, ich atme schneller, alles pulsiert und ich implodiere gleich.
Abbiegen, jetzt! Ich laufe durch irgendwelche Seitenstraßen und dunklen Ecken bis ich vor einer riesigen Weidefläche stehe. Hinter mir ist eine Kuh. Die nenn ich Nellie und ich schaue ihr zu. Sie reißt das Gras mit der Zunge ab, verschlingt es, ohne zu schlucken. Irgendwann dürfte sie es ausrülpsen, um nochmal durchzukauen. In aller Ruhe. Sie bewegt sich keinen Meter und ist trotzdem glücklich.
In dem Moment wünsche ich mir, eine Kuh zu sein. All die Probleme, die der Mensch abarbeiten muss, hat sie nicht. Okay, vielleicht wird sie eines Tages ausgeschlachtet. Das ist dann fies. Und besonders heuchlerisch von den Bio-Menschen, die “nur Fleisch von glücklichen Tieren” essen wollen.
Ich werfe einen Blick auf das Panorama, das sich mir darbietet: Oben die paar Wölkchen, rechts… der toom Baumarkt… und hinten die Schule. Und muss seufzen. Ich kenne das Schicksal von Nellie nicht. Sie ist so lieb, gar nicht mal so scheu, aber ich denke nicht, dass wir uns jemals wiedersehen werden.
Denn ich muss nach vorne blicken.