Ein verregneter Samstagabend, es ist dunkel, es blitzt, es donnert, mein Vater lässt einen fahren. In der Hoffnung, vom Blitz getroffen zu werden, ziehe ich meinen Hut und lasse mich amöbenartig nach draußen treiben. Doch in Sachen Treffsicherheit ist dieses chemische Irgendwas da oben mal mindestens so gut wie ich bei den Bundesjugendspielen. Würde es Gott geben, dann wäre ich nicht der Einzige, der zu schlecht für eine Teilnehmerurkunde war. Stattdessen fließen die Tropfen die Wangen entlang, während meine Kopfbedeckung die Tropfen an sich haften lässt. Diesem Umstand schenke ich viel zu spät Beachtung, ich habe nach Orientierung gesucht und triefe stattdessen im Sud alter Laster.
Das Haus ist pink angemalt und es stinkt bestialisch nach Teen Spirit. Noch bevor ich mir die Nase zuhalten kann, nehme ich diesen Duft jedoch nicht mehr wahr. Ich gehe rein. Sieht aus wie ein Freudenhaus. Ist aber keins. Soll offenbar ein Jugendlokal darstellen. Am Eingang stehen drei Spießbürgerstudenten. Die sehen reich aus, so als ob sie die Post-/Pestbeilage “Gemeinde aCDUell” wirklich mit Interesse lesen und den Titel funky finden würden. Egal, hier ist es trocken, was mich dazu motiviert, mich hinzusetzen.
“Ähem, räusper, räusper, Rhabarber, Mikrofoncheck eins, zwo.” Eines der Spießbürgerstudenten steht auf der Bühne. Er trägt einen Pullunder und wirkt sehr schüchtern. “Hallo hallo, hiermit beginnen wir das heutige Speed-Dating! An diesem Abend müssen die Damen nach dem Gong die Plätze tauschen. Seid ihr ready?” – “Jaaaaaaa! Kreisch! Iiik!” – “Bong!”
Oh nein, in welche Scheiße bin ich da jetzt geraten?
Jemand tippt mich an.
Sie so: “Hiichbindiemelindadusiehstechtcoolausmitdiesemstraßenjungenlook! Weißtdumeinschwippschwagerhatteeinenkumpelderhattesoähnlichehaare…”
Oh nö. Mlllndah oder wie auch immer ihr Name lauten sollte, sieht eigentlich ganz nett aus. Zwar trägt sie diese albernen H&M-Emo-Klamotten und hat die Haare schwarz gefärbt, aber an sich ist sie hübsch anzusehen. Wenn ich mir ihre drei Tonnen Mascara und den weiten Mund wegdenke.
Ich so: “Äh, also…”
Sie so: “…weißtduduscheinstechteinecoolesauzuseinbistganznatürlich!”
Bong.
Sie so: “Hiermeineicqnummeraddemichmeinnicknameistfindingemo90.”
Ich so: “Mein icq ist zwar am Arsch, aber…”
Sie so: “Hastdueinefreundinweilduaussiehstalsobduallemädelskriegenkönntest.”
Ich so: “Geh! Du hast doch keine Ahnung!”
Sie so: “Wuha! Lollig! Dubistechteinlustigerkerlwerddichmavollvermissen.”
Zu viel Information. Zu wenig Zeit. Mein Kopf bumm. Mein Kopf aua aua. (Wie ihre Diktate wohl so aussehen?)
Jemand tippt mich an. Eine Blondine steht mir nun gegenüber. Sie neigt ihren hohl wirkenden Kopf und spielt mit ihren Zöpfchen. Ich versuche, keine Bezüge auf die Klischees, die sie gerade zur Gänze erfüllt, herzustellen.
Sie weiß aber auch nicht so recht, was sie sagen will.
Sie so: “Wohär kommt dein Nameh?”
Ich so: “Aus dem Persischen.”
Sie so: “Oh kuhl… woh liegtn dass?”
Ich so: “Heutzutage wird’s auch Iran genannt.”
Sie so: “Ah! Main Äks-Äks-Äks-Äks- äh, Äks? Ramml… äh, Froind war Iranah. Auch so, näh?”
Ich so: “Wow.”
Weh oh weh. Wow. Was macht eine Blondine an einer Ampel? Disco… nein! Keine Blondinenwitze! Denk an die anderen Blondinen, die du kennst und wie klug sie sind! Stell dir vor, sie wäre das feminine Äquivalent zu Lukas Podolski oder wie der Kerl heißt, der im Quotenradio dauernd verarscht wird. Oh, apropos Radio…
Ich so: “Und was guckst du gerne?”
Sie so: “…häh?”
Ich so: “Im Fernsehen! Teh Pfau!”
Sie so: “Aie, hihi! VIVA Live.”
Bong. Mich trifft der Schlag… aber weder der Blitzschlag, noch der Gong. Ich brauch eine Pisspause. Uh, “Rosenduft”. Toll. Ich mag keine Pissoirs. Erst recht nicht mit Farbe. Ich gehe in eine Kabine, nehme Tonnen von Klopapier, lege es auf die Schüssel und setze mich drauf. Es schmerzt beim Pinkeln. Und es gewittert immer noch. Als ich die Toilette verlassen will, remple ich einen dunkelhäutigen, großen Kerl in Unterhemd an.
Ich so: “Tschuldige.”
Der so: “Uuh.”
Seine prallen Lippen formen sich zu einer Knutschlippe.
Er so: “Rhhmmmm.”
Ich so: “Knirsch.”
Laufe schreiend und mit erhobenen Armen weg. Aber zurück zur holden Weiblichkeit.
Jemand tippt mich an. Diesmal sind’s gleich vier, sie schimpfen sich “♥ James Dean alive 4eva! ♥” und… da ich Kindergartenkinder von Achtklässlern nie unterscheiden kann, schätze ich das Durchschnittsalter auf neun. Sie sind auf der Suche nach männlichen James-Dean-Fans und bestellen sich dabei was.
Die so: “Kennste James Dean?”
Ich so: “Klar, er ist eine Legende.”
Die so: “Iiiiiiiik! Geilomat! ♥! Der ist so… ROFL! ♥♥♥!!!”
Eine so: “Wenn ich damals gelebt hätte, er hätte mich genommen, mich verführt… hach!”
Alle so: “Haaaaach! Kicher, kicher, kicher!”
Ich so (resignierend): “…warum verleugnen so viele Mädels, die ich kenne, dass er homosexuelle Beziehungen geführt hat? Und wie begründet sich der Kult auf ihn? Der ist doch tot, was spielen sich alle so auf, als ob sie ihn kennen würden?”
Vier Backpfeifen und Rührei. Im Gegenzug zwei kaputte Chucks und drei rausgerissene Haare.
Die Kellnerin so: “Yo! Vier Bier, fünf Bünf, sechs Becks. Auf wen geht die Rechnung?”
Bedrückt werfe ich einen Blick auf die andere Meute. Freaks. Alle zusammen. Klasse, da steht ja Fatlips. Klasse, er hat mich gesehen. Klasse, er zieht wieder seine Schnute. Ich rücke mich langsam ver. Eigentlich weiß ich nicht, was mich hier noch hinhält. Meine Haare fühlen sich abartig klebrig an und ich hab permanent das Gefühl, Popel an der Nase hängen zu haben. Noch so eine Paranoia von mir, die Angst, mit einer Rotznase rumzulaufen. Dementsprechend ist meine Nase rot.
“Oh, keine Sorge, da hängt nichts. Kenne ich auch, dieses Gefühl.”
Et boum, c’est le choc!
Ich so: “…haaa… llo!”
Sie so: “Howdy, bin die… Jolanda! Geht’s dir gut, äh…?”
Ich so: “Ludger.”
“Jolanda” so: “Haha! Wenigstens ein normaler Mensch hier.”
“Ludger” so: “Muhöhöhöhöhöhööö!”
“Jolanda” so: “Gniahahahuaaaah!”
Trotz des Zeitlimits wollten wir weiterreden. Dafür haben wir den Spießbürgerstudenten geknebelt und gefesselt, damit wir rauskönnen. Wir haben im Regen getanzt, albernen Scheiß veranstaltet, eben den üblichen Teenager-Mumpitz gemacht. Später hat sie mir offenbart, dass sie lesbisch ist, aber keine Lust auf dieses übliche Mitleids- oder Freudengetue hätte, worauf ich geantwort… geantwo… gnah…
Scheiße, die Internetverbindung fuckt wieder ab! Scheiß Telekom!