Ein wunderbarer Tag. Kein Gott. Kein Staat. Keine Arbeit. Kein Geld. Und kaum Wolken. Es gibt Momente, da sehe ich von meiner Antipathie ab, die ich gegenüber dem Hintertaunus hege. Zum Beispiel wenn ein saftiges Grün – vom hellblauen Himmel abgesehen – die Landschaft und allmählich auch die Wälder dominiert, wenn man kleine Bambis sieht (nein, es ist nicht die Rede von den goldenen Trophäen), wenn man spürt, dass die Rapsfelder demnächst mit einem kräftigen Gelb kontern. Eigentlich ist’s ganz nett hier. Diese herzerwärmende Aussicht durch dieses Stück Natur fällt mir nur auf, weil man endlich, endlich, die verdreckten, lauten Züge gegen geräumige Panoramafuckingmachines ersetzt hat.
Wunderbar, einfach wunderbar. Ich spüre die Euphorie in mir, es geht wieder aufwärts mit meinem inneren Selbst. Es läuft der Soundtrack des Moments. Ich schlage Purzelbäume vor Kreativität. Apropos Purzelbäume, ich habe schon lange keine Purzelbäume mehr geschlagen. Theorethisch könnte ich es ja ausprobieren, die Bahn bietet momentan praktischerweise zwei Löffel Einsamkeit.
“Momentan” war bis jetzt. Es steigen drei Mädchen ein, die sich der HipHop-Kultur verschrieben und Erkan und Stefan als linguale Götter erkoren haben. Natürlich setzen sie sich neben meinem Vierer hin. Ich hatte doch neulich erst feststellen müssen, dass der Mensch eine Affinität zur Zweisamkeit hat. Da tanz nur ich aus der Reihe. Was soll’s, denk ich mir, ich gucke einfach nach rechts in die Ferne. Die Sonnenstrahlen kitzeln angenehm. Kille, kille.
Dabei spüre ich Körperkontakt. Körperkontakt ist böse. In diesem Moment zumindest. Denn eine von den HipHop-Ladiez tippt mich an. Ich nehme die Kopfhörer raus und werde aural mit Aggro-Kram konfrontiert. (Ein junger Zuhälter will seine Freundin von hinten.) Höflich stellt sie mir folgende Frage in diesem unbestreitbar gewähltem Ton: “Ey, du, wieso trägst du ‘nen Hut, ey?” – “Ey, wieso siehste aus wie ‘ne Bitch, ey, mit elf, ey?” Ähm, nein, mir geht es gerade zu gut, um aggro zu sein. Stattdessen wimmel ich sie mit einer spontan zusammenformulierten und nicht besonders schnittigen Antwort ab. “Ääh. Ööh. Als eine Art Tribut für die Jugendbewegung der Siebziger in Großbritannien. Weißt du, ähm?” Eindeutig gelogen. Eindeutig die richtige Antwort. Ruckartig verschwindet das Miezekatz-Püppchen-Trio mit den ruckartig zerfleischenden Blicken ins Nirwana. Nirwana, also, das ist ein Wagon weiter.
Ich find’s nicht verwerflich, dass eingefleischte Hopper so kontaktfreudig sind. Neulich zum Beispiel wollte einer von denen doch tatsächlich meinen, äh, Tokio-Hotel-Fanclub (die denken immer noch, ich sei Bill) zur Vernunft bringen. Verbal, irgendwo, indem er ihnen “ihre Fresse poliert”. So verführerisch dieses Angebot auch war, ich habe dankend abgelehnt. Belustigend, fürwahr, war’s dennoch. Diese Gesellschaftsdynamik, diese Kontaktfreudigkeit könnten sich eigentlich viel mehr Subkulturen (und auch “Subkulturen”) zu Eigen machen. Immerhin ist mir noch kein Früher-Möchtegern-Hopper-jetzt-Fall-Out-”Emo”-Boy (so pure Emos, die auf Bright Eyes und sonstige Softcore-Sachen stehen, gibt’s hier nicht) begegnet, der mir seine Hilfe angeboten hätte. Im Gegenteil, in seiner Hopper-Zeit wollte er mich gar kaputtbar machen. (Ätschpetsch, hat nicht geklappt.)
Jetzt schwinge ich meine Rede, hört, hört: Reichen wir uns die Hand, singen “He’s got the whole world in his hand” “We formed a band, we formed a band”, ich packe meine Flöte aus und du die Gitarre. (Scheiße, wie pervers das klingt. Und ja, ich hab in der zweiten Klasse das Flötenspielen gelernt. Hab’s heuer erfolgreich verlernt. Und das hört man.) Aber nicht jetzt. Jetzt geht die Sonne unter und es ist betördend schön. Ich oller Romantiker, ach.