Zunächst möchte ich anmerken, dass es mir scheißegal ist, wie ich diese Exzesse nenne. Ob Fasching, Karneval, Fastnacht oder Gang-Bang – alles das gleiche für mich.
Die früheste Erinnerung spielt sich in Saarbrücken ab. Meine Mutter hält der Miniaturversion meiner Selbst die Hand. Wir stehen, wie auch ganz Saarland, am Seitenrand der wohl einzigen Hauptstraße Saarbrückens – nein, ganz Saarlands – und jubeln, jauchzen, feiern. Ich verfalle ganz dieser Extase: Alles so bunt, alles so freudig, es gibt Süßes und ich will auch. Meine Arme sind zwar viel zu kurz, aber wenn hier eh alles so realitätsfern ist, dann hebe ich sie trotzdem. Man kann ja mal hoffen.
…pfupp. Ich habe die wahrscheinlich längste Praline der Welt gegen mein Auge geknallt bekommen. In diesem speziellen Fall war ich jedoch kein Kind von Traurigkeit. Es war ein Triumph. Ich bin nicht leer ausgegangen.
Just in diesem Moment hat mir ein Mädchen meinen Schokoriegel aus der Hand gerissen.
Zweite Klasse. Immer noch traumatisiert von dem Vorfall bestätige ich meinen Ruf als Langweiler und Spielverderber. Schwarzes “Rollkragen”-”Shirt” und “tighte” “schwarze” “Leggins”. (Stellt euch “dabei” vor, wie “ich” meine “Finger” “entsprechend” “beuge”.) Ich hatte weder ein Cowboy-, noch ein Prinzesschenkostüm im Schrank. Als meine Lehrerin mit ihrer Kollegin und Freundin im Babykostüm (mitsamt angenuckelten Schnullis) erscheint, bin ich beruhigt. Ich rede mir ein: Ich bin nicht der Depp der Nation. Ich bin nicht der Depp der Nation…
Ich bin der Depp der Nation. Neugierig fragen die Führungskräfte der Zukunft, wen ich darstellen würde. “Gamma”, flüstere ich eingeschüchtert, “der Micky-Maus-Typ da. Kennst du?” – “Ach, der mit der Zauberhose? Komm, zück einen Schokoriegel rüber. Oder Glibberschleim.” Im Nachhinein denke ich mir, dass ich ihn hätte anrotzen sollen. Oder so.
Das Schöne an der Grundschule ist, dass sie realitätsbezogen ist. So hatte meine Lehrerin die grandiose Idee, einen Poser-Wettbewerb ins Leben zu rufen. Ein Haufen von trendig-feschen, coolen Kindern hoppelt im Zentrum des Stuhlkreises herum und zeigt, was sie/er zu bieten hat. Ich melde mich. Ich muss pissen. Leider versteht die Lehrerin die Meldung falsch und schmeißt mich in den Pool der Frauenhelden mit Ärzte-Shirts (unterm Indianerkostüm) und Ohrringen. Ich quäle mich hoppelnd durch den Kreis der Lächerlichkeit. Hoppel, hoppel. Ich wünsche mir, dass sich plötzlich ein Abgrund bildet und ich von einem Hai aufgefressen werde. Doch ich lebe noch und ernte eine einzige Mitleidsstimme von fünfundzwanzig Mitschülern.
Danach ging’s; ich habe nur noch zweimal Fasching gefeiert. Einmal als “Bart Simpson” mit gelb angesprayten Haaren und einer Tonne fettiger gelber Hautpampe. Hat gejuckt wie Sau. Außerdem trug ich ein Bart-Simpson-Shirt, damit man mich auch erkennt. Und das letzte Mal – im Gymnasium – bin ich ohne Kostüm erschienen. Der Eintritt war dadurch doppelt so teuer und die Pimpfdisco danach hab ich geschwänzt. Sowie die Feste in den darauffolgenden Jahren.
Scheiß Karneval.