Aua, ähem.
Aber fangen wir von vorne an. Gestern war das Rolling-Stones-Konzert im Berliner Olympiastadion, ohne Guns ‘n Roses (wieso auch immer. Botoxunfall?), dafür mit Feeder.
Es fing damit an, dass ich mich mit drei Wesen gegen 15:00 auf dem Weg mache. Wir sehen jede Menge, ähem, junggebliebenseinwollende, ähem, Oldies. Außerdem kommen die anderen Kollegen – die meisten sind auch so 16, 17, einer war jedoch um einiges älter. Nun ja. Der Chef kommt und verpasst uns VIP-Armbänder im Wert von wohl über 200 Eumeln und Arbeitskleidung, bevor wir uns die Probe reinziehen.
16:00, es ist Einlass. Viel Gewackel, viele ältere Personen in viel zu jugendlichen Klamotten, die auf die Front stürmen. Jetzt ist es soweit, jeder kriegt bekloppte Rucksäcke samt 15-Liter-Biertank verpasst. Gut, dass ich noch jung und energisch bin und nur gestern noch schiefer als sonst herumgelaufen bin, es geht mittlerweile wieder – aber mit der Zeit ging das sowieso, was mich überrascht hatte. Natürlich hatte ich die beschissene Ausstattung verpasst bekommen, das Biergezapfe war mal zu schaumig, zu unschaumig, zu lahm und wasweißich. So auch die meisten Gäste.
Im Hintergrund liefen immer wieder die gleichen vier Songs, wenigstens angenehme Stücke wie “Take Me Out” von Franz Ferdinand. Das ist peinlich, selbst bei den Kaiser Chiefs lief kein Stück zweimal. Und die hatten noch nicht mal eine Videowand.
Im Großen und Ganzen lässt sich sagen – die Gäste waren nicht so beschissen, wie ich gedacht hätte. Ihr wisst, ich hab ja ein unglaubliches Bedienungstalent (siehe Winterfest unserer Schule), was man auch sieht, wenn bekloppte Männer dumme Witze (auch über mich) machen. Andere würden immer höflich mitlachen, ich hatte nur ein Achselzucken übrig.
Trinkgeld gab’s, wenn überhaupt, nur von Frauen. Tatsächlich, sie sind weit angenehmer gewesen, da fiel mir der Smalltalk auch um einiges leichter. Fünf Peseten, ich danke. Der Rest, erst recht der VIP-Haufen (wo ich im Übrigen meine zu glauben, Carsten van Ryssen, den höchstseriösen Außenreporter von polylux gesehen zu haben), ist extrem knauserig. Man sollte dankbar sein, dass ich nicht ausgeflippt bin. Aber dennoch gab’s eine Stelle, wo mein Temparament zu Kartoffelpurée wurde – nämlich, als ein alter Opa mir den Stinkefinger gezeigt hat, weil er selber nicht wusste, wie er denn sein Bier gerne hätte. Sagen wir’s mal so, besagtes Becherchen mit Bier ist mir, ähem, “ausgerutscht”.
Aber die Preise waren auch ein Witz. Vier Mücken plus zwei Euro Pfand für ‘nen halben Liter Warsteiner. Eigentlich sollten wir auf die Markierung auf den rollingstonesabiggerbang (whoa, wie cool, diese Schreibweise, ähem) achten – 0,5 Liter, nicht mehr. Natürlich wollten alle randvolle Becher – ich bin, ganz offen, nach Symphatie vorgegangen. Was mir zum Verhängnis wurde, denn zum Schluss hatte ich 30 Euro Miesen. Ich wusste nicht, dass die Bezahlung mit dem Gewinn vereinbart wird. Immerhin wurden sie mir erlassen. Und natürlich hatte ich am allerwenigsten von allen verkauft. 23,5 Liter, obwohl ich insgesamt drei Fässer hatte. Natürlich war ich erstmal angepisst, dass die ganze Arbeit umsonst war, aber das Konzert war doch nett.
Aber auch seltsam. Feeder gingen recht früh, ich meine um 20:00 herum, auf die Bühne. 30 Minuten lang höfliches Geklatsche aus dem Publikum – aber die Musik für die Zielgruppe war es definitiv nicht. Danach hab ich auch Schluss mit dem Bierverticke gemacht. Kurz vor halb 11, nach krisenverursachenden Pfeifkonzerten kommen sie endlich auf die Bühne: vier prähistorische Rocker mit viel Rübensaft intus. Aber Mensch, sind die klein. Aber Mensch, die gingen doch ab. Aber Mensch, Keith Richards ist ein Mensch.
Viel Licht, viel visuelles Dingsbums, zum Schluss viel Feuerwerk. Jedoch: Es waren nur fünf Songs. Okay, sie sind alt. Aber dafür hat ein Fan gut 200 Mücken ausgegeben? Schöne Geldverschwenderei – wenigstens war’s nicht meins. Aber der Masse ist’s egal. Ihnen setzt man einen kleinen Furz vor und sie fressen es auf. Die ganzen tanzenden Senioren. Sie haben augenscheinlich ihre Jugend gewonnen. Glauben sie. Und das ist ihnen viel Geld wert. Jetzt kommt der Standardsatz: Wenn ich so ende, sollte ich besser erschossen werden. (Das ist jetzt keine Aufforderung, es auch zu tun.) Nein, aber… wir wissen nicht, wie wir enden werden. Und wie die Damen und Herren einst waren. Ehemalige 68er? Ex-Hippies? Oberflächlich die Spießer zu geben und nur selten abrocken – das ist nicht das Wahre, wie ich finde.
00:00, wir haben fertig. Draußen verteilen Mitarbeiter eines Limonadenherstellers gratis Diätcola. Wir reden mit besoffenen Fans, die, sobald ein LKW von den Stones vorbeifährt, laut “Whoo-Hoo!” wie bei “Sympathy For The Devil” schreien. Ab hier sind die Berliner S- und U-Bahn-Linien ganz von Fans belagert. Durchschnittlich 55 Jahre alt, benehmen sie sich wie besoffene Marzahner Nazi-Teenager- nur ohne das Nazitum, selbstverständlich, sie lallen bloß ebenfalls parolenmäßig laut rum. Whoo-Hoo! Wie im Zoo. Die jüngeren Leute – die übrigens eine durchaus stattliche Minderheit darstellen – waren ganz artig. Sie haben auch kaum Bier getrunken – Warsteiner ist ja ganz oldschool, da muss es doch Cab oder so sein.
Und trotzdem fand ich den Abend lustig. Im Nachhinein, zumindest. Wohl wegen diesen drei Knalltüten von Kollegen.